»Der deutsche Mittelstand ist ein lokales Gewächs«

Mai 2018 | Die Welt | Talente der Zukunft

»Der deutsche Mittelstand ist ein lokales Gewächs«

Die digitale Transformation braucht vor allem eins: gut ausgebildeten Nachwuchs. Lokal verankerte, anwendungsorientierte Hochschulen leisten dafür einen wichtigen Beitrag.

Prof. Dr. Hans-Hennig von Grünberg, Vorstandsvorsitzender Hochschulallianz für den Mittelstand und Präsident der Hochschule Niederrhein
Hochschulallianz für den Mittelstand / Unternehmensbeitrag

Herr Prof. von Grünberg, wo auch immer man hinhört, überall werden Digitalisierungsexperten, Datenanalysten und Programmierer gesucht. Wer bildet die eigentlich aus?
Das ist eine sehr gute Frage. Fast die Hälfte aller etwa 200.000 Informatikstudierenden Deutschlands studiert an Hochschulen für angewandte Wissenschaften. Es sollten aber durchaus viel mehr sein, denn schon heute fehlen in Deutschland 237.000 MINT Fachkräfte, was in vielen Branchen bereits eine wahrnehmbare Wachstumsbremse darstellt. Das führt bisweilen sogar zu seltsamen ‚Blüten’. Mein Sohn arbeitet in einem IT-Unternehmen in Berlin und berichtet, dass für die Vermittlung von Bachelorabsolventen des Fachs Informatik teilweise fünfstellige ‚Kopfgelder’ gezahlt werden.

»Der Mittelstand muss sich mit Digitalisierungsvorhaben auseinandersetzen, die dafür nötigen Ressourcen und Talente sind aber in vielen Regionen schwer zu bekommen.«

Und das in einer Stadt wie Berlin, wo es aufgrund der ausgeprägten Start-up-Szene entsprechend viele Talente hinzieht. Das macht die Situation für andere Regionen sicherlich nicht besser.
Das stimmt. Insbesondere zeigt sich ein Problem für die in der Provinz angesiedelten mittelständischen Unternehmen. Denn einen gut ausgebildeten Informatiker aus München oder Berlin bekommen Sie nicht ohne weiteres in die Provinz. Doch gerade dort sind Digitalisierungsexperten gefragt. Denn dort sitzt das Rückgrat unserer Wirtschaft. Der deutsche Mittelstand ist ein lokales Gewächs. Er weiß, dass er sich mit Digitalisierungsvorhaben auseinandersetzen muss. Die dafür nötigen Ressourcen und Talente sind aber in vielen Regionen schwer zu bekommen. Und wir reden hier nicht nur über die großen Mittelständler – auch kleinere Handwerksbetriebe müssen sich mit Digitalisierungsthemen auseinandersetzen, um wettbewerbsfähig zu bleiben.

Wie stärkt man die Regionen und damit den deutschen Mittelstand?
Wir sehen uns als anwendungsorientierte Hochschulen hier sehr gut aufgestellt, diesen Fachkräftemangel gemeinsam mit dem Mittelstand zu adressieren. Besonders hervorzuheben ist hierbei die Tatsache, dass bei den stets regional orientierten Hochschulen für angewandte Wissenschaften diese IT-Fachkräfte anwendungs- und arbeitsmarktnah ausgebildet werden. Als Präsident der Hochschule Niederrhein sehe ich täglich, wie gut das Geben und Nehmen zwischen Wirtschaft und Wissenschaft funktioniert. Und ich glaube fest daran, dass man ein regionales Innovationsnetzwerk etablieren muss um Talente lokal und praxisorientiert auszubilden und so das Know-how auch langfristig in der Region halten zu können.

Haben Absolventen von Fachhochschulen und Hochschulen für an gewandte Wissenschaften denn ge-nauso gute Berufschancen wie Unversitätsabsolventen?
Absolut. Wir geben unseren Studenten alles mit, was man für einen erfolgreichen Start ins Berufsleben braucht. Und durch die enge Verzahnung mit der Wirtschaft können wir eben genau die Fähigkeiten und Fertigkeiten vermitteln, die anschließend tatsächlich benötigt werden. Wir starten beispielsweise an der Hochschule Niederrhein gerade ein interessantes Projekt: Gemeinsam mit Altana, ein großes deutsches Chemieunternehmen mit Sitz in unserer Region, schalten wir eine Anzeigenkampagne für den Studiengang Chemie an der Hochschule Niederrhein. Natürlich kann ich Chemie auch an einer Universität studieren. Die Praxisnähe und den direkten Kontakt mit einem potenziellen Arbeitgeber bekomme ich dort jedoch nicht. Daher sind wir schon sehr gespannt, wie groß das Interesse der Abiturienten sein wird. Altana wird sogar in den anschließenden Auswahlprozess der Studenten eingebunden.

Sie sagten anfangs, es sollte noch viel mehr Informatikstudierende an Hochschule für angewandte Wissenschaften geben. Warum?
An den Hochschulen für angewandte Wissenschaften bilden wir junge Menschen akademisch und anwendungsorientiert aus, das heißt, sie lernen die Wissenschaft zu verstehen und aufzunehmen, um sie anschließend berufsfeldorientiert nutzen zu können. Natürlich braucht es auch weiterhin in vielen Bereichen ein universitäres Studium. Doch während früher vielleicht zehn Prozent eines Jahrgangs ein Studium begonnen haben, sind es heute etwa 60 Prozent. Würden all diese Studenten in die universitäre Wissenschaft und Forschung gehen, hätten wir volkswirtschaftlich gesehen ein großes Problem.

Muss man den Programmiernachwuchs nicht schon viel früher fördern?
Vermutlich muss man tatsächlich irgendwo zwischen Schule und Hochschule ansetzen, Programmieren vielleicht wie eine Fremdsprache schon in den Unterricht integieren. Wir starten beispielsweise dieses Jahr in den Herbstferien eine Coding-School für Schüler. Dafür stehen 150 Plätze bereit. Die Schüler kommen zu uns an die Hochschule und werden von unseren Informatikstudenten in die Grundlagen des Programmierens eingeführt. Auch hier sind wir schon sehr gespannt, wie das Projekt angenommen wird und etablieren es bei entsprechender Resonanz natürlich fest an unserer Hochschule.

Wie wichtig sind Fachhochschulen für die Ausbildung von Informatikern in Deutschland?
Ein Blick auf die Absolventenzahlen genügt, um diese Frage zu beantworten: Weit über 50 Prozent der Informatiker in Deutschland kommt von Hochschulen für angewandte Wissenschaften. Dort sind auch 72 Prozent alle ingenieurswissenschaftlichen Professuren angesiedelt. Allerdings bekommen wir nur drei Prozent der gesamten Förderung vom Bund. Der Wissenschaftsrat, das höchste Gremium von Wissenschaft und Politik auf diesem Feld, tritt schon seit Jahren dafür ein, dass die Hochschulen für angewandte Wissenschaften zwei Drittel der Studenten aufnehmen sollten. Getan hat sich jedoch wenig. Das ist unverständlich, denn ein Umbau wäre nicht nur sinnvoll, er würde auch viel Geld sparen: Ein Studienplatz an der Uni kostet nach Angaben der Hochschulrektorenkonferenz selbst ohne die teure Medizin mehr als 7.000 Euro pro Jahr, an der FH nur 5.300. Das ist einer der Gründe, warum wir die Hochschulallianz für den Mittelstand gegründet haben, zu der sich bundesweit zwölf regional verankerte Hochschulen zusammengeschlossen haben. Denn für die jeweiligen Regionen und die dortige Wirtschaft haben wir zwar eine große Bedeutung, in Berlin müssen wir darum noch kämpfen.

www.hochschulallianz.de