Zukunft der Arbeit

Mai 2018 | Die Welt | Talente der Zukunft

Zukunft der Arbeit

Niemand weiß mit Sicherheit, wie sich der Arbeitsmarkt in Zukunft entwickeln wird. Doch eines ist sicher: Wer die Chancen der Digitalisierung nutzen will, muss vor allem in Bildung investieren.

Illustration: Iza Bułeczka
Klaus Lüber / Redaktion

Vor inzwischen fünf Jahren veröffentlichten die beiden Oxford-Wissenschaftler Carl Benedikt Frey und Michael A. Osborne eine Studie namens „The Future of Employment“. Das Paper ging der Frage nach, welche Auswirkungen die Digitalisierung auf den Arbeitsmarkt hat und kam zu einem alarmierenden Ergebnis. Fast die Hälfte aller Jobs (47 Prozent in den USA und 42 Prozent in Deutschland) drohten nach Einschätzung der Experten durch automatisierte Prozesse ersetzt zu werden.

Frey und Osbornes Prognose trat eine wahre Flut an weiteren Analysen los, in Deutschland gibt es inzwischen kaum einen Politiker, der sich nicht mit dem Thema auseinandersetzt, kaum einen Industrieverband, der nicht schon eine eigene Studie vorgelegt hätte. Ein Narrativ namens „Ende der Arbeit“ begann sich in der Öffentlichkeit zu manifestieren, immer weiter befeuert durch neue Horrormeldungen zu massiven Jobverlusten und auch deshalb so erfolgreich, weil es auf ein altbekanntes Angstszenario rekurriert – sehr wirksam in bereits allen vergangenen industriellen Revolutionen: Maschinen nehmen uns die Arbeit weg.

Inzwischen sieht man die Lage etwas differenzierter. Für viele Experten sind die von Frey und Osborn vorgelegten Zahlen zu pauschalisierend. Außerdem gingen sie von der Voraussetzung aus, dass alles, was theoretisch automatisiert werden kann, auch wirklich automatisiert wird, und dass alle Tätigkeiten, die in bestimmten Berufen verlangt werden, auch automatisierbar sind. Dies sei aber fraglich. Viel wahrscheinlicher sei es, dass nur einzelne konkrete Tätigkeiten, und nicht zwingend ganze Berufe, automatisiert werden. Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) will etwa für den deutschen Arbeitsmarkt nur 12 und nicht 42 Prozent an Arbeitsplätzen identifiziert haben, die stark automatisierungsgefährdet sind. Und auch hier handele es sich lediglich um ein Potenzial, denn es gibt viele rechtliche, gesell­schaftliche und wirtschaftliche Grenzen der Automatisierung.

Abgesehen davon gehen mittlerweile die meisten Szenarien von einem gleichzeitig entstehenden massiven Bedarf an neuen Jobs aus. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) und das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) kommen in einem Anfang April 2018 veröffentlichten Kurzbericht zu folgendem Ergebnis: Zwar müsse man sich bis zum Jahr 2035 auf einen Abbau von etwa 1,5 Millionen Arbeitsplätzen einstellen, diese würde allerdings fast gänzlich durch neu entstehende Jobs ausgeglichen werden.

Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt der Digitalverband Bitkom. Einerseits drohe massiver Arbeitsplatzverlust und zwar im Sinne einer Entwicklung, die schon längst im Gange ist und nach und nach immer mehr Branchen erfassen wird. Gleichzeitig würden sich aber auch Chancen ergeben. Mit einer echten Vision und einem Plan für ein digitales Deutschland, so Bitkom-Präsident Achim Berg, „werden wir digitale Arbeit im Überfluss haben“.

Genau dies führt nun zur entscheidenden Frage: Wenn das Angstszenario eines massiven Jobverlustes gar nicht zutrifft, sondern lediglich alte Jobprofile durch neue ersetzt werden, von welchen neuen Anforderungen spricht man konkret? Auf welche Veränderungen müssen sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer einstellen? Wie finden Unternehmen die Fachkräfte, die sie brauchen, um neu entstehende Jobs zu besetzen? Und welche Kompetenzen müssen Menschen erwerben, um überhaupt im Job zu bleiben?

Im Kern geht es dabei noch gar nicht so sehr um Zukunftsprognosen, denn Fachkräfte werden ja schon heute massiv gesucht. Viele Firmen empfinden die Lage schon jetzt als dramatisch. Laut einer aktuellen Konjunkturumfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) sehen Betriebe in Deutschland den Fachkräftemangel als Risiko-Nummer eins für ihre Geschäfte. Als Folge müssen Aufträge abgelehnt werden, Investitionen in neue Technologien werden aufgeschoben und die Lohnkosten steigen. Aktuell fehlen 1,5 Millionen Arbeitskräfte. Für das Jahr 2030 rechnet die Wirtschaftsforschungs- und Beratungsfirma Prognos mit einer Fachkräftelücke von circa drei Millionen Menschen.

Wie kommt es zu diesem Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage nach Qualifikationen, dem sogenannten Mismatch, wie dieses Phänomen auch genannt wird? Viele Experten sind sich einig: Wir haben es mit strukturellen Eigenheiten des deutschen Arbeitsmarktes zu tun, beginnend mit einem Bildungssystem, das zu den starrsten und unterfinanziertesten unter westlichen Industrieländern zählt und vielen Talenten die Möglichkeit einer Karriere verwehrt – besonders wenn sie aus bildungsfernen Schichten stammen. Hinzu kommt eine immer noch in vielen Firmen vorherrschende Unternehmenskultur, die den immer weiter steigenden Ansprüchen von Top-Talenten nach Flexibilität, Diversität und Kreativität nicht mehr entspricht. Immer wieder wird davon berichtet, wie deutsche High Potentials, vor allem aus Zukunftsbrachen, sich eher in Richtung der ausländischen Konkurrenz orientieren, als eine Anstellung auf den heimischen Markt anzustreben.

Und während noch in der Gegenwart händeringend nach Lösungen gesucht wird, sind die Anforderungen an die Zukunft schon formuliert: „Vor einer Generation brachten Lehrer ihren Schülern etwas bei, das fürs ganze Leben halten sollte. Heute müssen sie ihre Schüler auf Technologien und Jobs vorbereiten, die erst noch erfunden werden“, so der OECD-Bildungsforscher Andreas Schleicher. Oder, wie es die Süddeutsche Zeitung kürzlich in einem Kommentar zuspitzte: „Mit dem sehr deutschen Herumreiten auf Spezialkenntnissen lässt sich nur ein Teil des Weges in die Zukunft zurücklegen. Statt sich nur Fachwissen anzueignen, sollten Schüler und Studenten lernen, möglichst flexibel und klug auf neue Situationen zu reagieren. Wer kreativ, erfindungsreich und einfühlsam ist, wird Maschinen noch lange etwas voraushaben.“