Am kürzeren Hebel

April 2018 | Die Welt | Geld

Am kürzeren Hebel

Durch gehebelte Derivate können Anleger mit wenig Einsatz viel gewinnen – oder verlieren. Deshalb erwägt die europäische Aufsichtsbehörde nun Beschränkungen. Manche Maßnahmen sind sinnvoll, andere könnten erfahrene Anleger bevormunden.

Illustration: Josephine Warfelmann
Gregor Hallmann / Redaktion

Das Prinzip erscheint verlockend: Mit Differenzkontrakten, genannt „Contracts for Difference“ (CFD), investieren Anleger nicht direkt in Wertpapiere, Währungen oder Rohstoffe, sondern in Derivate, die die Preisentwicklung der Basiswerte abbilden. Mit CFD kann man auf steigende oder fallende Kurse setzen, und sie erfordern nur einen Bruchteil des Kapitals eines Direktinvestments.

Möglich macht das der „Hebel“: Anleger hinterlegen für CFD-Positionen beim Broker eine „Margin“ genannte Sicherheitsleistung, deren Höhe sich nach dem Basiswert richtet. Beträgt die Margin beispielsweise ein Prozent, wird mit nur 1.000 Euro Einsatz eine Handelsposition von 100.000 Euro aufgebaut, der Hebel liegt also bei 100. Preisbewegungen des Basiswertes führen damit zum 100fachen Gewinn, wenn die Kurse in die erhoffte Richtung laufen. Spekuliert der Anleger falsch, wird allerdings auch sein Verlust 100fach „gehebelt“.

Wegen des hohen Risikos sind CFD und andere spekulative Instrumente den Aufsichtsbehörden schon länger ein Dorn im Auge. Die europäische Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde ESMA hat deshalb Beschränkungen ins Auge gefasst, die Privatanleger schützen sollen. Damit nutzt die ESMA Befugnisse, die ihr aus der EU-Verordnung für Finanzinstrumente (MiFIR) erwachsen: Laut Artikel 40 darf die ESMA zum Schutz der Anleger EU-weit vorübergehende Vertriebsbeschränkungen und Verbote für besonders riskante und gefährliche Anlageprodukte verhängen.

Viel Zustimmung erhält die ESMA für den Vorschlag, die Handelsanreize von CFD-Anbietern zu beschränken. Solche Anreize, heißt es in einer Stellungnahme des deutschen CFD-Verbandes, seien vor allem bei unerfahrenen Tradern wirksam, weshalb ihre Beschränkung eine für den Anlegerschutz angemessene Maßnahme sei. Begrüßt wird auch die Idee einer standardisierten Risikowarnung durch CFD-Anbieter. Der Branchenverband betont aber, dass Kunden schon heute auf Risiken, Kosten und Performance von CFD aufmerksam gemacht werden müssen.

Hebelsenkung in der Kritik

Auf Widerstand stößt der Vorschlag der ESMA, das Hebelverhältnis bei der Eröffnung einer CFD-Position für Privatanleger auf 30:1 bis 5:1 zu begrenzen, abhängig vom historischen Preisverhalten des Basiswertes. Würde dies umgesetzt, erwartet der deutsche CFD-Verband, dass bis zu 80 Prozent der Kunden den Handel mit den betroffenen Produkten einstellen. Vielen CFD-Nutzern dürfte nicht gefallen, dass sie für die gleichen Gewinnmöglichkeiten künftig mehr Kapital aufbringen müssten.

Ein weiterer Kritikpunkt: CFD würden gegenüber anderen Instrumenten – wie beispielsweise Knock-Out-Optionsscheinen – benachteiligt, die weiterhin hohe Hebel ermöglichen. Immerhin schlägt die ESMA vor, Marketing, Vertrieb oder Verkauf „binärer Optionen“ an Privatanleger zu verbieten. Bei diesen Instrumenten erhält der Käufer am Laufzeitende einen festgelegten Betrag, den Preis eines Basiswertes oder den Basiswert selbst, wenn ein zuvor definiertes Ereignis eintritt. Tritt aber das Ereignis nicht ein, verfällt die Option wertlos. Selbst unter Tradern gelten binäre Optionen als „Zockerinstrumente“ mit schwer kalkulierbarem Risiko.

Kontoschutz gilt bereits

Die ESMA will CFD-Konten privater Anleger vor Nachschusspflichten schützen ("Negative Balance Protection"). Das ist sinnvoll, denn ohne einen solchen Schutz bleibt das Verlustrisiko nicht auf den Kapitaleinsatz begrenzt. Anleger müssen im schlimmsten Fall mit ihrem Gesamtvermögen alle Verluste aus CFD-Positionen ausgleichen. Die deutsche Finanzaufsicht BaFin hatte allerdings schon 2017 verfügt, dass CFD mit Nachschusspflicht Privatkunden nicht mehr angeboten werden dürfen. „Mit dieser Maßnahme ist die Negative Balance Protection in Deutschland bereits umgesetzt“, sagt Rafael Neustadt, der Geschäftsführer des deutschen CFD-Verbandes.

Die ESMA-Vorschläge reichen aber weiter: CFD-Broker sollen gezwungen sein, auch einzelne Positionen automatisch zu schließen, sobald der daraus resultierende Verlust die Hälfte der Margin beträgt. Die Folge: Zu stark ins Minus gerutschte Einzelpositionen würden selbst dann geschlossen, wenn das CFD-Konto insgesamt noch hoch im Plus ist. Diese Maßnahme beträfe nicht nur Zocker, sondern auch Anleger, die mit CFD langfristige Investments absichern wollen. Solche „Hedging“-Positionen könnten künftig zwangsweise geschlossen werden, obwohl das Basiswert-Investment weiter gehalten wird. Der CFD-Verband beklagt zudem, die Umsetzung der positionsbezogenen „Margin Close-Out Rule“ wäre teuer, langwierig und für kleine Anbieter existenzgefährdend.

Bevormundung befürchtet

In Deutschland wurden nach Auswertungen der Steinbeis-Hochschule im Auftrag des CFD-Verbandes im Jahr 2017 rund 1,7 Billionen Euro an CFD-Volumen gehandelt. Schätzungen zufolge ist der deutsche Markt damit der zweitgrößte in Europa.

Würden die ESMA-Vorschläge umgesetzt, geriete der Markt in Bewegung, mahnt nicht nur CFD-Verbandsgeschäftsführer Neustadt: „Durch die verschärfte Regulierung werden viele erfahrene und risikobewusste CFD-Trader zu nichteuropäischen Anbietern wechseln. Es gibt aber viele Broker in weniger streng regulierten Ländern, die wenig bis keinen Wert auf Transparenz und Anlegerschutz legen.“ Diese Anbieter sind aus Verbandssicht das eigentliche Problem.

„Die Vorschläge der ESMA lassen die Erfahrung von CFD-Tradern und deren Nachfrage außer Acht“, resümiert Neustadt. „Unsere Marktstudien belegen, dass der weitaus größte Teil der aktiven CFD-Trader sehr erfahrene Anleger sind, die ein hohes Maß an Eigenverantwortung mitbringen und sich fast täglich mit dem Handel beschäftigen. Diese werden in ihrer Mündigkeit beschränkt.“