Börsenlandschaft im Umbruch

März 2017 | Die Welt | Geld

Börsenlandschaft im Umbruch

Deutsche Finanzplätze müssen sich im globalen Wettbewerb behaupten. Vor allem die Frankfurter Börse steht unter starkem Konkurrenzdruck.

Illustration: Dorothea Pluta
Thomas Trares / Redaktion

Wer mit Wertpapieren handelt, muss sich überlegen, an welchen Börsenplätzen er dies tun will. Handelszeiten, Transaktionskosten und die Liquidität spielen hier eine wichtige Rolle. Je öfter ein Titel gehandelt wird und je höher die Umsätze, desto besser ist der Preis. Entsprechend finden Anleger auf großen Handelsplätzen in der Regel günstigere Konditionen vor. Kleine Börsen hingegen besetzen oft Nischen.

In Deutschland ist Frankfurt der mit Abstand größte Börsenplatz, 95 Prozent des hiesigen Aktienhandels finden dort statt. Marktbetreiber ist die Deutsche Börse. 2016 kam diese auf einen Orderbuchumsatz von rund 1,38 Billionen Euro. Über die elektronische Handelsplattform Xetra wurden 1,26 Billionen Euro abgewickelt, der Rest über die Frankfurter Wertpapierbörse sowie die in Berlin angesiedelte Privatanlegerbörse Tradegate, an der die Deutsche Börse 75,01 Prozent hält.

Ziel von Deutsche-Börse-Chef Carsten Kengeter ist es, den Finanzplatz Frankfurt auch international wieder in der Spitzengruppe zu positionieren. Dazu wollte er mit der London Stock Exchange (LSE) fusionieren. Allerdings gilt das Vorhaben inzwischen als gescheitert. Grund ist die Weigerung der Briten, die Anleihehandelsplattform MTF zu verkaufen. Daran haben die EU-Kartellwächter ihre Zustimmung zu dem Deal geknüpft. Bis zum 3. April soll eine Entscheidung fallen. Ein Veto gilt als wahrscheinlich.

London auf Platz Eins

Auf globaler Ebene verliert die Deutsche Börse schon seit einiger Zeit an Boden. „Im Zehnjahresvergleich hat der Finanzplatz Frankfurt eine Abwertung erfahren und fiel von Rang 6 auf 19 im Global Financial Centres Index ab“, schreibt etwa der Darmstädter Ökonom Dirk Schiereck in einer Studie. Der von der internationalen Denkfabrik Z/Yen Group ermittelte Global Financial Centres Index (GFCI) misst die Konkurrenzfähigkeit von Börsenplätzen und stützt sich dabei auf die Befragung von 29.000 Marktteilnehmern. Demnach nimmt London derzeit den ersten Platz ein, gefolgt von New York und Singapur. Frankfurt indes rangiert deutlich hinter Standorten wie Hongkong, Tokio, Zürich, Boston, Toronto, Seoul und Luxemburg.

Schiereck macht die Schwäche unter anderem an der geringen Zahl an Börsengängen fest. Gerade mal sechs Unternehmen schafften es 2016 aufs Frankfurter Parkett, das Platzierungsvolumen lag bei rund 4,9 Milliarden Euro. Dies waren rund 20 Prozent weniger als 2015, als noch 15 Firmen an die Börse gingen. Zum Vergleich: An der Mehrländerbörse Euronext waren es 40, an der LSE sogar 120.

Neues Handelssegment: Scale

Anfang März hat die Deutsche Börse nun mit „Scale“ ein neues Handelssegment eingeführt, das für frische Impulse sorgen soll. Es richtet sich an kleine und mittlere Unternehmen, die sich schon einige Zeit am Markt behauptet haben. Gelistet sind sowohl Finanz- und Finanztechnologiefirmen wie FinLab und German Startups Group als auch Industrieunternehmen wie Nanogate und Vectron Systems. Aber auch Anleihen etwa vom Fußball-Bundesligisten FC Schalke 04 und der Karlsberg-Brauerei finden sich dort.

Die Branche hat zwar die Einführung des Segments grundsätzlich begrüßt, aber auch vor allzu großen Hoffnungen gewarnt. „Gerade bei Anleihen, die in den vergangenen Jahren gerne unter dem Label ´Mittelstandsanleihen´ an Kleinsparer verkauft wurden, dürften weitere Verluste nicht ausbleiben“, schreibt die Unternehmensberatung Capmarcon in ihrer Studie „Mittelstandsemissionen und Börsensegmente. Börse mißt mit ´Scale´ am Ziel vorbei“.

Auf dem deutschen Finanzmarkt spielt neben Frankfurt vor allem die Börse Stuttgart noch eine gewisse Rolle. Im vergangenen Jahr kam diese auf einen Orderbuchumsatz von 80,1 Milliarden Euro. Die Stuttgarter sehen sich selbst als Marktführer im börslichen Handel für verbriefte Derivate in Europa sowie für Unternehmensanleihen in Deutschland. Entsprechend war der Umsatz im Handel mit strukturierten Produkten im vergangenen Jahr mit 34,2 Milliarden Euro etwa doppelt so hoch wie im Aktienhandel, der insgesamt 16,4 Milliarden Euro ausmachte.

Soforthandel in Stuttgart

Im Handel mit Unternehmensanleihen bieten die Schwaben ihren Kunden seit Anfang März einen neuen technischen Zugang auf der Verkäuferseite an. „Mit dieser innovativen Anbindung kann jeder Sell-Side-Kunde ab sofort seine Preis- und Handelsparameter vollständig und produktbezogen auf seine speziellen Bedürfnisse anpassen und damit Komplexität reduzieren“, sagte dazu Michael Görgens, Bereichsleiter Anleihen- und ETF-Handel an der Börse Stuttgart. Zudem haben die Schwaben Ende vergangenen Jahres den Soforthandel bei Aktien eingeführt. Privatanleger können damit unmittelbar auf dem Markt agieren und den Zeitpunkt der Orderausführung selbst bestimmen. Zuvor war dies nur bei verbrieften Derivaten und börsengehandelten Fonds möglich.

Insgesamt dürfte sich die Börsenlandschaft in Deutschland in diesem Jahr weiter verändern. Denn aller Voraussicht nach wird die Börse Düsseldorf bis Sommer unter das Dach der Börsen AG (BÖAG) kommen. Letztere ist die Betreiberin der Börsen Hamburg-Hannover. Von einem Zusammenschluss versprechen sich beide Seiten Kostensenkungen. Seit Jahren bröckeln die Umsätze der Regionalbörsen. In Düsseldorf waren es 2016 noch 14,5 Milliarden Euro, in Hamburg-Hannover 7,4 Milliarden Euro. Zwar hatte die Börse Düsseldorf versucht, mit Mittelstandsanleihen zu punkten. Nach einigen Pleiten ist das Segment aber in Verruf geraten. Die Börse Hamburg hingegen gilt als führender Handelsplatz für offene Immobilienfonds, die sinkenden Umsätze konnte aber auch dies nicht stoppen. Nun wollen die Börsen Hamburg und Hannover vom Boom auf dem Schuldscheinmarkt profitieren. Das Emissionsvolumen in dem Segment hat sich seit 2014 auf mehr als 26 Milliarden Euro verdreifacht. Deswegen startet die BÖAG nun mit der „Schuldscheinbörse Deutschland“ eine eigene Handelsplattform für das Segment, das Angebot richtet sich allerdings nur an institutionelle Investoren.

Zur deutschen Börsenlandschaft gehören außerdem die Berliner Börse und die Börse München. Die Berliner Börse kam über ihr eigenes Xontro-Handelssystem im vergangenen Jahr auf ein Orderbuchvolumen von 6,7 Milliarden Euro, inklusive der paneuropäischen Plattform Equiduct Trading waren es 63,7 Milliarden Euro. Die Berliner haben hier einen Anteil von zehn Prozent. Die Börse München dagegen gibt keine Umsatzzahlen bekannt.