Die Bullen laufen noch

April 2018 | Die Welt | Geld

Die Bullen laufen noch

Die Aktienmarktrally ist noch nicht vorbei, sagen Anlageprofis. Sie prophezeien vor allem in Europa weiter steigende Kurse. Statt den perfekten Einstiegszeitpunkt finden zu wollen, sollten sich Investoren darauf konzentrieren, ihr Kapital breit zu streuen

Illustration: Josephine Warfelmann
Julia Groth / Redaktion

Das Jahr 2018 hat für Anleger mit einer kalten Dusche begonnen. Zwischen Ende Januar und Anfang Februar stürzten die Börsen in den USA und in Europa ab. Einen eindeutigen Grund dafür gab es nicht. Vermögensprofis sprachen von einem „Flash-Crash“, ausgelöst durch die Angst vieler US-Anleger vor weiter steigenden Zinsen in den Vereinigten Staaten. Seitdem haben sich die Kurse zwar wieder leicht erholt. Dasselbe Niveau wie vor dem Mini-Crash haben sie aber bislang nicht erreicht. Und: Die Volatilität hat deutlich zugenommen, die Kurse schwanken heftiger als zuvor.

Mit dem „Flash-Crash“ wurde eine der längsten Aufwärtsphasen in der Geschichte der Kapitalmärkte jäh unterbrochen. Neun Jahre lang kannten die Aktienkurse nur eine Richtung: nach oben. Der US-Aktienindex S&P 500 ist seit Februar 2009 um satte 270 Prozent gestiegen. Das europäische Aktienbarometer Eurostoxx 50 litt zwar im Jahr 2011 kurz unter der Euro-Staatsschuldenkrise, legte in den vergangenen neun Jahren aber immerhin um 70 Prozent zu.

Waren die jüngsten Kursstürze nun ein Menetekel, ein Zeichen dafür, dass der Aufwärtstrend bricht? Volkswirte und Analysten sagen: nein. „In Anbetracht der starken Fundamentaldaten ist die Aktienschwäche eher eine kurzfristige Korrektur und nicht der Anfang vom Ende des Bullenmarktes“, schreibt die Fondsgesellschaft Goldman Sachs Asset Management in einem Marktkommentar. Andere Anlageprofis sehen das ähnlich.

Tatsächlich spricht einiges dafür, dass die Aktienmarktrallye weitergeht. An den europäischen Börsen könnten die Kurse in der kommenden Zeit besonders stark steigen, sagen Marktbeobachter. „Der Wirtschaftsaufschwung in Europa steht auf einem soliden Fundament“, erklärt Britta Weidenbach, Leiterin des Bereichs europäische Aktien bei DWS. Sie verweist auf die niedrige Arbeitslosenquote, die gute Konsumentenstimmung und die anziehenden Unternehmensgewinne. Im laufenden Jahr dürften europäische Firmen ihre Erträge im Schnitt um zehn Prozent steigern, schätzt Weidenbach. „Die Korrektur Anfang des Jahres passt nicht zu dieser stabilen Gewinnsituation.“

Nach Ansicht der DWS-Expertin steht der Wirtschaftsaufschwung in Europa womöglich erst am Anfang. Die Aktienkurse würden den Unternehmensgewinnen dann über kurz oder lang nachfolgen. „Der Aktienmarkt dürfte nach der jüngsten Korrektur die entstandene Lücke zu den weiter steigenden Unternehmensgewinnen schließen, wenn auch bei höherer Volatilität“, sagt Weidenbach. Für ein solches Szenario spreche auch, dass sich die europäischen Börsen seit der Finanzkrise im Jahr 2009 längst nicht so stark erholt hätten wie die US-Börsen, die seit Jahren immer neue Rekorde aufstellen.

Auch in den USA ist die Hausse allem Anschein nach noch nicht vorbei. Zwar ist die Wirtschaftserholung dort bereits deutlich weiter fortgeschritten als in Europa. Ganz so kräftig wie bisher dürfte es deshalb an der Wall Street nicht mehr aufwärts gehen. Frühindikatoren wie Unternehmensgewinne und Arbeitslosenquoten böten aber weiterhin Grund zum Optimismus, sagt Christian Preussner, Spezialist für US-Aktien bei J.P. Morgan Asset Management. Der jüngste „Flash-Crash“ bereitet ihm keine großen Sorgen: „Fundamental hat sich wenig geändert.“

Er sieht allerdings nicht mehr in allen Branchen gleichermaßen großes Kurspotenzial. Die Kurse von IT- und Gesundheitsaktien zum Beispiel seien im vergangenen Jahr überproportional stark gestiegen. Die größten Reditechancen böten in den kommenden Monaten Aktien US-amerikanischer Banken, Versicherer und Konsumgüterhersteller.

Verbraucherschützer halten von solchen Prognosen nicht viel. „Man weiß schlichtweg nicht, in welche Richtung sich die Aktienmärkte mittelfristig bewegen“, sagt Niels Nauhauser, Finanzexperte der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Seiner Erfahrung nach gibt es nur eine nützliche Börsenweisheit: Hinterher ist man immer schlauer. Crashs und Booms kündigten sich zwar in der Regel an – doch die Zeichen ließen sich nur in der Rückschau richtig deuten. „Anleger sollten deshalb auf Marktanalysen und Prognosen keinen allzu großen Wert legen“, sagt Nauhauser.

Seine Botschaft: Anleger benötigten gar keine Prognosen, um auf lange Sicht an den Börsen erfolgreich zu sein. „Sie können zu jedem Zeitpunkt guten Gewissens in Aktien investieren“, sagt der Finanzexperte. Anleger dürften zwar nicht erwarten, nie Verluste zu erleiden. „Man muss immer damit rechnen, dass die Aktienkurse sich zwischendurch halbieren können“, warnt Nauhauser. Wer langfristig investiere, könne solche zwischenzeitlichen Marktkorrekturen aber einfach aussitzen. Statt den Aktienkauf besonders günstig terminieren zu wollen, sollten Investoren ihr Geld breit streuen. Das heißt: Nicht nur DAX-Aktien kaufen, weil Allianz, Daimler und Co. so schön vertraute Namen sind – sondern Unternehmen aus möglichst vielen Ländern und Branchen ins Depot holen. „Diversifizierung ist die wichtigste Anlageregel“, betont Nauhauser.

Ein simpler Weg, Kapital breit zu streuen, ist der Kauf eines Investmentfonds. Dabei übernimmt ein Fondsmanager die Titelauswahl. Schon mit ein oder zwei Fonds können Anleger ihr Portfolio breiter diversifizieren, als wenn sie einzelne Aktien kaufen. Sie sollten allerdings darauf achten, dass für die Produkte keine hohen Gebühren anfallen. Denn die knabbern an der Rendite. Verbraucherschützer raten aus diesem Grund gern zu börsengehandelten Indexfonds, den ETFs. Die Produkte werden nicht aktiv verwaltet, sondern bauen passiv einen Index nach.

Zum Einstieg in den Aktienmarkt biete sich ein ETF an, der den globalen Aktienindex MSCI World nachbildet, sagt Nauhauser. Noch breiter aufgebaut ist der Index MSCI All Country World, der auch Schwellenländer wie Indien und China umfasst. Reine Schwellenländer-ETFs eignen sich nur als Beimischung. Wie hoch ihr Anteil am Portfolio ausfallen sollte, hängt von Anlagehorizont und Risikoneigung des Anlegers ab – also nicht zuletzt davon, welche Wertschwankungen er aushalten kann. Als Test für die Nervenstärke von Investoren war der „Flash-Crash“ zu Jahresbeginn gar nicht so schlecht.