Die Chamäleons unter den Assets

März 2017 | Die Welt | Geld

Die Chamäleons unter den Assets

Zertifikate sind beliebt, weil sie dank ihrer Vielfalt jeweils passend zur Marktsituation ausgewählt werden können. Außer- dem ermöglichen sie oft attraktive Gewinne – aber auch Verluste, die vor allem unerfahrene Anleger empfindlich treffen können.

Illustration: Dorothea Pluta
Juliane Moghimi / Redaktion

Wann immer die Zeiten unruhig werden, spiegelt sich das auch in den Aktienmärkten wider: Die Anleger reagieren mit nahezu seismografischer Sensibilität auf Ereignisse, die zu Veränderungen der gewohnten Stabilität führen könnten. Seit der Jahrtausendwende gab es praktisch ständig solcherlei Erschütterungen: Kriege im Nahen Osten, Betrugsskandale in der Autoindustrie, Naturkatastrophen, Bankenpleiten, die EU-Krise und nicht zuletzt Wahlergebnisse mit ungewissen Konsequenzen für die politische und wirtschaftliche Zukunft.

Je vielfältiger die Marktbewegungen sind, desto flexibler müssen die Assets sein. Vor diesem Hintergrund erklärt sich der enorme Erfolg, den die Zertifikate in den vergangenen Jahren zu verzeichnen hatten: Sie sind äußerst vielgestaltig und ermöglichen deshalb Anlagestrategien, die sehr fein auf die jeweilige Marktsituation abgestimmt werden können. Für jeden Anlegertyp, von vorsichtig bis risikofreudig, hält das Zertifikate-Portfolio passende Produkte bereit. Zertifikate eignen sich zur Absicherung von Depots ebenso wie zur Optimierung von Erträgen oder Renditen.

Rechtlich gesehen handelt es sich bei Zertifikaten um Inhaberschuldverschreibungen. Indem Sie ein Zertifikat erwerben, leihen Sie dem Emittenten – in der Regel einer Bank – Ihr Geld. Dabei bezieht sich das mit einer individuellen Wertpapierkennnummer versehene Zertifikat immer auf einen sogenannten Basiswert, auch Underlying genannt. Das kann eine einzelne Aktie, ein kompletter Index wie der DAX, aber auch ein Rohstoff wie Kaffee oder Gold sein. Gehandelt werden Zertifikate sowohl an der Börse als auch bei den Emittenten selbst sowie bei Brokern. Hinsichtlich der Wirkung, die Bewegungen des Basiswertes auf das Zertifikat haben, gibt es je nach Art erhebliche Unterschiede. Hier liegt die Crux, denn mit höheren Gewinnchancen gehen naturgemäß auch größere Risiken einher. In diesem Zusammenhang sind vor allem die Hebelzertifikate zu erwähnen. Sie sind so ausgelegt, dass sie Schwankungen des Basiswertes potenzieren, und zwar in beide Richtungen. In Zeiten, wo der Markt vor allem Seitwärtsbewegungen zeigt, eignen sie sich hervorragend, um kleine Renditen zu maximieren. Sobald die Börse aber etwas mehr in Bewegung gerät, steigen die Chancen und Risiken überproportional an.

Wie so ein Hebel funktionieren kann, soll hier das Beispiel eines Futures auf den DAX zeigen. Ein Future ist ein Termingeschäft, das heißt, Sie gehen am Tag x die Verpflichtung ein, am Tag y den Basiswert zu einem festgelegten Preis zu erwerben. In der Realität kommt es praktisch nie zu diesem Tausch, weil vor der Fälligkeit ein entsprechendes Gegengeschäft getätigt wird. Für das Future bezahlen Sie nur einen Bruchteil des eigentlichen Basiswertes als Sicherheitsbetrag, Initial Margin genannt. Deswegen wirken sich kleine Schwankungen beim Underlying deutlich auf das Zertifikat aus. Angenommen, der DAX liegt bei 10.000 Punkten. Pro DAX-Punkt wird ein Kontraktwert von 25 Euro festgelegt, sodass sich dessen Gesamtwert auf 250.000 Euro beläuft. Sie zahlen für das Future jedoch lediglich eine Marge in Höhe von 10.000 Euro. Der Hebel Ihres Futures beträgt daher 25 (250.000/10.000). In dem Moment, wo der DAX um 500 Punkte zulegt, steigt der Basiswert um 12.500 Euro an – ein Zuwachs von 5 Prozent. Im selben Augenblick beträgt der Gewinn aus Ihrer Marge wegen der Hebelwirkung 125 Prozent. Umgekehrt wäre jedoch bei einem 500-Punkte-Verlust des DAX Ihr gesamter Einsatz verloren.

Ähnlich funktionieren Optionsscheine auf Rohstoffe. Der Käufer erwirbt in diesem Fall für eine Prämie das Recht, den Basiswert zu einem bestimmten Preis zu kaufen (Call) oder zu verkaufen (Put). Dabei setzen Sie entweder auf einen Anstieg (Long) oder Abfall (Short) des Basiswertes, zum Beispiel Gold: Rechnen Sie mit einem Wertzuwachs, dann erwerben Sie eine Call-Option, die es Ihnen später ermöglicht, Gold zu einem niedrigeren als dem aktuellen Preis zu kaufen. Erwarten Sie hingegen einen Wertverlust, dann sichert Ihnen eine Put-Option das Recht, später Gold zu einem höheren als dem aktuellen Preis zu verkaufen. Daraus folgt, dass Sie mit einer Call-Option bei einem Wertverlust verlieren, mit einer Put-Option hingegen bei einem Wertzuwachs. Eine besonders riskante Variante sind sogenannte Knock-outs: Diese haben zwar noch stärkere Hebel als traditionelle Optionsscheine, verlieren jedoch ihren Wert komplett, sobald sie eine bestimmte Schwelle über- oder unterschreiten.

Diese Assets gehören zu den Derivaten und damit zu den eher risikobehafteten Anlageformen. Anfänger sollten sich daher vorher genau informieren oder beraten lassen. Wer lieber auf Nummer Sicher gehen und trotzdem an der Börse handeln möchte, ist mit einem Garantie-Zertifikat gut beraten: Hier erhalten die Anleger am Ende der Laufzeit mindestens das eingezahlte Kapital zurück, profitieren dafür aber nur teilweise von den Kursgewinnen des Basiswerts.


Auf einen Blick

Die gängigsten Arten von Zertifikaten

Index-Zertifikate beziehen sich auf einen kompletten Index, zum Beispiel den DAX, und bilden diesen 1:1 ab: naturgemäß große Risikostreuung, meist ohne Laufzeitbegrenzung.

Garantie-Zertifikate sind Zertifikate mit begrenzter Laufzeit, an deren Ende das eingezahlte Kapital zurückgezahlt wird – zum Preis eingeschränkter Gewinnmöglichkeiten.

Bonus-Zertifikate haben eine obere und untere Barriere. Bonuszahlung in Höhe der oberen Barriere erfolgt dann, wenn
der Kurs stets über der unteren Barriere bleibt.

Sprint-Zertifikate lassen Anleger innerhalb einer bestimmten Spanne doppelt von der Entwicklung profitieren. Nach oben sind sie durch ein Cap begrenzt, nach unten durch einen Schwellenwert.

Discount-Zertifikate werden günstiger verkauft als der Basiswert, immer mit Cap, dafür aber auch mit begrenztem Risiko.

Faktor-Zertifikate sind Hebelzertifikate, bei denen Gewinn und Verlust des Basiswertes mit einem festgelegten Faktor multipliziert werden.

Knock-out-Zertifikate sind Hebelzertifikate mit besonders steilen Gewinnkurven, bei denen jedoch auch die Gefahr eines Totalverlustes entsprechend hoch ist.