Wie sich Depots entwickeln

Oktober 2016 | Die Welt | Geld

Wie sich Depots entwickeln

Die Deutschen sind Europameister im Sparen, nirgendwo sonst wird so viel Geld auf die hohe Kante gelegt. Dabei sind sie jedoch sehr konservative Anleger. Deutsche Sparer verzichten lieber auf Erträge, als dass sie Risiken eingehen.

Illustration: Heike Schelletter
Mirko Heinemann / Redaktion

Wir haben verschiedene Anlageszenarien skizziert und vergleichen potenzielle Erträge über die vergangenen 20 Jahre. Dies ist zwar kein Garant für zukunftige Entwicklungen, kann aber Denkanstöße geben.
 

Anlegerprofil: Sicher und risikolos

Sie wollen keine Risiken eingehen, sondern auf Nummer Sicher gehen. 69 Prozent des Privatkapitals der Deutschen liegt auf Sparbüchern und Tagesgeldkonten. Konservative Anleger fürchten vor allem Verluste. Für sie hat am Ende des Tages nicht die Rendite Priorität, sondern der Erhalt des Ersparten. Als gesetzlich Rentenversicherte beobachten sie, wie seit Jahrzehnten das Rentenniveau sinkt. Daher hat der Staat das so genannte „Drei-Säulen-Modell“ entwickelt, das gesetzliche Rente, Riester-Rente und betriebliche Altersvorsorge umfasst. Grundidee: Das Versorgungsniveau insgesamt soll dem einstigen Rentenniveau entsprechen und so eine Kluft zwischen Rentnergenerationen verhindern. Bei der Rechnung müssen Sparer bedenken: Der Eigenanteil, der in Riester-Rente und Betriebsrente fließt, fehlt bei der Vermögensbildung. Hingegen profitieren Bausparer bis zu einer bestimmten Verdienstgrenze von der Wohnungsbauprämie (8,8 Prozent der Sparleistung), kaum aber vom Garantiekredit. Die einst vereinbarten Kreditzinsen werden wahrscheinlich höher sein als die auf dem freien Markt. Bleibt Sparbuch oder Tagesgeldkonto. Wer vor 20 Jahren hier begonnen hat zu sparen, bekam 1996 Zinsen von etwa drei Prozent. Bis 2010 blieben sie halbwegs stabil, um heute gen Null zu tendieren. Bis 2007 allerdings lag die Inflation mit 1,5 Prozent deutlich unter dem Zinssatz, somit war ein Realertrag von 1,5 Prozent möglich. Seit 2004 verlaufen Inflationskurve und Zinskurve beinahe übereinander. Aus 50.000 Euro, eingezahlt in monatlichen Sparraten wurden in den vergangenen 20 Jahren so real nur rund 53.850 Euro. Für die Zukunft stehen die Chancen noch schlechter.

Anlegerprofil: Sicherheit plus Chance

Sie wollen zwar auch auf Nummer Sicher gehen, aber sie wollen ihr Vermögen auch vermehren und sind dazu bereit, gewisse Risiken einzugehen. Sie folgen den Empfehlungen der Banken und Sparkassen, ihr Vermögen zu diversifizieren. Faustregel: Ein Drittel des Anlagevermögens in fest verzinsliche Papiere investieren, etwa Tagesgeld oder Bundeswertpapiere, ein Drittel Fonds, zum Beispiel als Sparplan, ein Drittel Aktienanlagen sowie zur Absicherung anteilig Edelmetalle wie Gold, zum Beispiel als Anleihe. Für die Aktien befolgen sie die Empfehlung des Deutschen Aktieninstituts. Danach enthält ein gut gestreutes Depot acht bis zehn verschiedene Aktien, möglichst aus unterschiedlichen Branchen. Empirische Untersuchungen ergeben zudem, dass sich eine internationale Streuung der Anlagen vorteilhaft auf die Chance-Risiko-Struktur auswirkt. Die Anleger haben ein Haus gebaut, das sie selbst bewohnen und das sie als zusätzliche Alterssicherung verstehen: Mietfrei wohnen oder das Haus verkaufen und den Ertrag in monatliche Zahlungen umwandeln, als Ergänzung zur gesetzlichen Rente. In der Regel „riestern“ sie auch und haben eine Kapitallebensversicherung abgeschlossen. Besteht sie länger, sind sie wahrscheinich enttäuscht von den Überschussangaben, die viele Lebensversicherer nach unten korrigiert haben. Ob sich ein Abschluss heute noch lohnt, ist Glaubensfrage. Hätten sie 50.000 Euro zum Beispiel in Sparraten in einen am Dax orientierten Indexfonds investiert, hätten sie damit in den vergangenen 20 Jahren im Durchschnitt einen Wertzuwachs von rund acht Prozent im Jahr erzielt. Abzüglich der Inflation wäre das Kapital auf real 89.000 Euro angewachsen.

Anlegerprofil: Riskant

Sie wollen reich werden. Dafür spekulieren Sie an der Börse und wagen sich dabei weit vor. Aber nicht zu weit. Sie beherzigen die Regel, dass man nur mit dem Geld spekulieren darf, das am Ende des Monats übrig bleibt. Und das sie nicht für private Anschaffungen brauchen. Dafür bleibt ein vorher festgelegter Anteil auf dem Tagesgeldkonto liegen. Mit dem Rest aber wird alles gekauft, was Ertrag verspricht: Aktien, Anleihen, Zertifikate, Fonds, Hedgefonds. Kein Gold. Keine Immobilien. Keine Rentenpapiere. Risikoorientierte Anleger haben ihr Depot stets fest im Blick und wenden viel Zeit für Recherchen auf. Sie lesen Wirtschaftspublikationen Offline und Online, sie beobachten die makroökonomischen Entwick-lungen in den USA, Brasilien und Asien. Sie wittern Chancen in Afrika und sind über IPOs, also Börsengänge, informiert. Sie kennen sich auf einem oder mehreren Zukunftsfeldern aus, etwa Erneuerbare Energien, E-Mobilität, Biotech, IT. Sie verfolgen Mergers & Aquisitions, chatten mit anderen Tradern über Hebelprodukte und scrollen in deren Foren nach interessanten Anlagetipps. Sie recherchieren über Geschäftsgründungen und beobachten die Start-up-Szene. Sie nutzen moderne Finanzierungsinstrumente wie das Crowd-Investing, investieren also Geld in Start-ups mit der Hoffnung auf spätere Gewinne. Klar ist: Risikoorientierte Anleger brauchen starke Nerven und verständnisvolle Partner. Viele ihrer Geldanlagen werden vom Risiko des Totalverlusts begleitet, die Volatilität ihrer Anlagen ist riesig. Daher kann auch keine Prognose über die Entwicklung eines 20-Jahre-Depots gegeben werden. Die Frage ist eher: Möchte man wirklich so leben? Oder sollte man das Vermögensmanagement nicht lieber einem Profi überlassen?