Finanzbranche 4.0

April 2016 | Capital | Unternehmertum

Finanzbranche 4.0

Die Banken haben massiv Vertrauen verspielt. In die Bresche springen IT-basierte Technologiefirmen mit disruptiven Geschäftsmodellen. Sie könnten die gesamte Finanz- branche umkrempeln.

Illustration: Fiete Koch
Mirko Heinemann / Redaktion

Wer den Showdown einer einstmals hoch angesehenen und traditionsreichen Bank live erleben möchte, muss sich nur den Aktienkurs der Deutschen Bank ansehen: Das Flaggschiff deutscher Finanzkraft, einstmals drittgrößtes Geldinstitut der Welt, hat in den vergangenen zehn Jahren einen Großteil seines Börsenwertes eingebüßt. Kurz vor der Finanzkrise kostete eine Aktie von „The Deutsche“ über 100 Euro. Heute sind es etwa 14 Euro.
Der Absturz steht symbolhaft für den Vertrauensverlust, den tradierte Finanzhäuser erlitten haben. Und zwar nicht nur bei Aktionären, sondern auch bei ihren Kunden. Daran ist nicht allein die Finanzkrise 2008/09 schuld; es gibt auch hausgemachte Gründe: Banken verlangen von ihren Girokunden Überziehungszinsen von bis zu 16 Prozent pro Jahr, gleichzeitig zahlen sie für Tagesgeld gar nichts mehr. Unternehmensgründer und Start-ups klagen nach wie vor über hohe Hürden bei der Kreditvergabe. Für ein Wertpapierdepot verlangen manche Banken und Sparkassen immer noch Gebühren. Ihre Finanzberatung ist mangelhaft: Bei einem aktuellen Test der Zeitschrift Finanztest schnitten 18 von 23 getesteten Banken, Genossenschaftsbanken und Sparkassen schlechter als „gut“ ab. Zwei fielen komplett durch. Und bei der Digitalisierung hinken sie meilenweit hinterher. 
Vor allem letzteres könnte die Banken teuer zu stehen kommen. Denn innovative Unternehmen stehen in den Startlöchern mit dem Potenzial, den Banken große Teile ihres Kerngeschäfts streitig zu machen. Immer mehr so genannte „Fintechs“, also Internetbanken, Unternehmen mit Online-Bezahlmodellen oder Entwickler digitaler Währungen wie Bitcoin, Ethereum, Ripple und andere setzen zum Sturm auf die Old Economy an. Die Geschäftsideen der Fintechs sind vielfältig bis schillernd: Manche entwickeln neue Banking-Apps, etwa für das Bezahlen mit dem Smartphone. Mit „Crowdfunding“ und „Crowdinvesting“ entwickeln sie neue, an die sozialen Medien angelehnte Modelle, wie Investoren sich direkt an Unternehmen beteiligen können. Andere informieren über Möglichkeiten, wie man Geld anlegen kann, organisieren den Zutritt zu Handelsplattformen für Finanzprodukte oder entwickeln sogar ganz neue. Derzeit als besonders revolutionär gilt die „Blockchain“, eine kostengünstige und angeblich sichere Technologie für globale Geldtranfers.
Rund 12.000 dieser Technologieunternehmen soll es laut Schätzungen des Digitalverbands Bitkom weltweit geben, mit einem Investitionsvolumen von mehreren Milliarden Euro. 
In Deutschland sollen rund 250 dieser jungen Unternehmen beheimatet sein. Sie könnten die gesamte Finanzbranche umkrempeln. So ermittelte etwa der Digitalverband Bitkom bereits Mitte 2014 in einer repräsentativen Umfrage, dass viele Verbraucher künftig auf klassische Finanzdienstleistungen verzichten würde. Demnach konnte sich bereits damals jeder fünfte deutsche Internetnutzer (22 Prozent) vorstellen, Darlehen oder die Vermögensverwaltung über Fintechs abzuwickeln. Die Zahl dürfte in den letzten anderthalb Jahren noch gestiegen sein.
Warum auch nicht? In Zeiten von Internet und multimedialer Abdeckung sind sowohl die Ereignisse auf den internationalen Märkten wie auch die Anlageprodukte prinzipiell für jeden transparent und einsehbar. Wer Geld anlegt, tut dies zunehmend über das Internet, nutzt Online-Broker und Direktbanken. Das Risiko ist überschaubar: Wer einer europäischen Bank Geld anvertraut, etwa in Form von Festgeld oder Tagesgeld, dessen Vermögen ist gesetzlich bis zu einer Einlage 100.000 Euro abgesichert – selbst bei einer Pleite des Geldinstituts. Wer Aktien verwalten lässt, ist davon gar nicht betroffen – er ist ja Anteilseigner des jeweiligen Unternehmens oder der Fondsgesellschaft. Also warum nicht innovative Finanzinstrumente nutzen, die weniger Gebühren kosten und mehr Transparenz über Kosten, Produkte und Prozesse schaffen?
Vor allem im Bereich der Finanzberatung gibt es Optimierungsberdarf, weiß Christian Rieck, Professor für Finance und Wirtschaftstheorie an der Frankfurt University of Applied Sciences. Denn dass die Finanzberatung angesichts der Umwälzungen der Digitalisierung nicht so bleiben wird, wie sie derzeit ist, liegt auf der Hand. Der Experte für Spieltheorie und die digitale Zukunft der Finanzbranche hat Kompetenzen von Maschinen und Robotern auf verschiedenen Feldern verglichen, die für die Finanzberatung wichtig sind. Er kommt zu dem Schluss: Schon 2030 wird der maschinelle Finanzberater dem menschlichen überlegen sein.
„Anlageentscheidungen sind zahlenorientiert und erfordern damit in eine Form von Intelligenz, für die unser Gehirn nicht gut geeignet ist“, so Rieck. „Computer hingegen wurden genau für derartige Aufgaben geschaffen.“ Algorithmen werden also in Zukunft Aktieninformationen erstellen, mit Kunden chatten und die besten Chancen errechnen. Sie sind unbestechlich und dabei kostengünstig. Jetzt müssten sie nur noch lernen, mit den Besonderheiten von Menschen umzugehen: „Dann sind sie die viel besseren Anlageberater, als ein Mensch es jemals sein könnte.“ Rieck prognostiziert zwei Megatrends: Zum einen eine rein durch Finanzdaten gesteuerte Finanzberatung. Zum anderen eine Finanzberatung, die auch auf das kollektive Wissen zurückgreift, indem sie etwa die sozialen Medien im Internet einbezieht.
Wie müssen Banken, Versicherungen und freie Berater reagieren? Thomas Saalmüller, Director Digital Banking bei Sopra Steria Consulting, mahnt Banken an, eine Digitalisierung aller analogen Systeme sowie eine Modernisierung der bereits verwendeten digitalen Systeme vorzunehmen. Ob das ausreicht? Wenn die Banken den Wettlauf gegen die disruptiven Fintechs nicht glorreich verlieren wollen, müssen sie Vertrauen zurückgewinnen und ihre Alleinstellungsmerkmale ausspielen.
Ihr Vorteil gegenüber den Fintechs: Sie verfügen über ein Filialwesen, sind also persönlich ansprechbar. Ihre Berater verfügen im besten Fall nicht nur über Finanzkenntnisse, sondern über persönliches Einfühlungsvermögen, also Empathie. Das ist eine Kompetenz, die ihnen Algorithmen oder Roboter noch nicht streitig machen können.